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Wie alles anfing: Interview mit Johannes Büld, CEO der Videro AG

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Im Interview beschreibt Johannes Büld, CEO Videro AG, die Anfänge der Videro AG und wie die Kombination unterschiedlicher Expertisen, gepaart mit Neugierde und Engagement, Lösungen schufen - noch bevor sich Digital Signage als Begriff oder gar als Trend in Deutschland anbahnte.

Herr Büld, man sagt „gute Technik macht Technik vergessen“. Ist das auch das Motto, das Sie als Gründer und Chef bei Videro umsetzen wollen?

Johannes Büld, CEO Videro AG

Ja, absolut. Wir wollen mit unserer Plattform erreichen, dass zwischen den Ideen des Anwenders, dem Entertainment oder der Information, beispielsweise am Point of Sale, möglichst wenige Hürden existieren. Technik ist ein Hilfsmittel und nicht der eigentliche Zweck. Wenn ein Unternehmen in seinen Läden multimedial informieren möchte, zählt nichts anderes, als das Erlebnis der Kunden beim Einkauf - nicht die Software oder Hardware dahinter. Unser größter Vorteil war immer, dass wir wissen, wie man mit Content umgeht und wir uns nicht allein auf Medientechnik oder Programmierung verstehen. Die Content-Idee des Kunden auf den Bildschirm zu bekommen, das ist unsere Mission.

Fällt Ihnen das, als studierter Maschinenbauer und Wirtschaftsinformatiker, nicht manchmal schwer, nicht permanent von den technischen Lösungen zu schwärmen?

Natürlich, wir bei Videro leben Internet - Cloud, Software, Netzwerke, Contentdistribution - hier sind wir zu Hause. Ich bin bereits 1986 in der IT-Beratung gestartet und habe zehn Jahre lang Netzwerktechnologie verkauft und Unternehmenssoftware mitentwickelt. 1996, als ich mich mit meiner ersten Firma Netside Online Service GmbH selbständig gemacht habe, waren wir einer der ersten Internetprovider in Deutschland und haben bereits Webseiten für namhafte Unternehmen aufgebaut.

Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Wir haben da enorm viel gelernt und wissen deshalb noch sehr gut, wie schwierig es ist, zum Beispiel Daten auch durch schmale Leitungen zu pressen. Diese Erfahrungen und das Know-How, das meine Kollegen und ich seit inzwischen über 20 Jahren gesammelt haben, hilft uns bei manch scheinbar unlösbarem Problem, mitunter simple Lösungen zu finden, die andere nicht sehen und es hilft uns, uns nicht immer so wichtig zu nehmen. Dieses Wissen und diese Einstellung zu unserem Job haben uns auch den Weg zu unserem heutigen Geschäft geebnet.

Welches war denn das erste Digital Signage Projekt?

Zunächst mal eines, das nicht so hieß. Als wir anfingen uns mit Mediensteuerung über Netzwerke zu beschäftigen gab es diesen Begriff noch nicht. Unser Wissen zu Medien, Internet und Netzwerken konnten wir zum ersten Mal beim Aufbau des Rock & Pop Museums in Gronau 2003/2004 anwenden. Wir haben damals die Webseite des Museums betreut und erfuhren dabei, dass die Projektplaner auf gewisse Schwierigkeiten gestoßen sind, ihre Ideen umzusetzen.

Die Sie lösen konnten?

Ja, hier kam vieles zusammen. Auch, dass ich bereits seit meiner Jungend selbst Musik mache. In den Semesterferien habe ich PA-Anlagen gebaut und deswegen wusste ich auch einiges über Audio und Musik.

Was die Planer dort vorhatten war die Verbindung von Musik, Bildern, Video, Licht, Vernetzung und Synchronisation von Inhalten und so weiter. Und damals gab es weltweit nur sehr wenige Unternehmen, die all diese Komponenten beherrschten. Und glauben Sie mir, die Macher des Museums haben wirklich weltweit gesucht.

Dass sie am Ende ausgerechnet vor der eigenen Haustür fündig geworden sind, wollten die Verantwortlichen zunächst selbst nicht glauben, so dass ich, natürlich im Scherz, sogar angeboten habe, dann eben mit der Firma aus Gronau wegzuziehen, wenn das ein Problem sei. Was es dann natürlich nicht war.

Das Rock & Pop Museum war also der Startschuss für Videro. Wie ging es dann weiter?

Die Installation im Rock & Pop Museum hat tatsächlich für einiges Aufsehen gesorgt. Gleichzeitig haben wir auch mit unserem Stammgeschäft, damals noch als Netside Online Service GmbH, konsequent unsere Angebote ausgebaut. Wir entwickelten eigene Lösungen, die am Ende alle auf unser Digital Signage Wissen eingezahlt haben bzw. konkrete Bestandteile geworden sind. Wir hatten zum Beispiel damals bereits eine eigene Warenwirtschafts-/Shopsoftware (Tendero), eine Content Management Lösungen (Contero) und eine Terminverwaltungen (Termemo) entwickelt, alles Online-Lösungen selbstverständlich.

Als wird dann 2004 den Sinus Award (System Integration) für multimediale Innovation für das Projekt Rock & Pop Museum erhalten haben, wurden einige große Unternehmen auf uns aufmerksam, wie eben die Firma HP, die damals den Auftrag hatten die Technik für ein Museum eines großen Automobilherstellers aus Stuttgart umzusetzen.

Mercedes oder Porsche?

Zunächst einmal Mercedes. Das Porsche Museum haben wir später auch noch überzeugen können, insofern war uns die erste Geheimhaltung am Ende auch egal – wir hatten dann eben beide.

Aber das Projekt war für uns in der Entwicklung sehr wichtig, weil wir gemerkt haben, wie frustrierend es für die Contentgestaltung im größeren Maßstab sein kann, wenn die Technik bestimmt was geht und was nicht und nicht die Kreativität der Macher. Multimedia war zu dem Zeitpunkt ohne IT-Know-how nicht bedienbar. Es war damals für die Verantwortlichen ein ewiger Kampf mit Codecs und Netzwerkproblemen. Da haben wir erkannt, wie wichtig es für eine Software ist, genau diese Sorgen zu nehmen.

Wir haben aus diesem Grund zwei wichtige Entscheidungen getroffen, die noch heute Kernargumente für Videro sind. Erstens, niemand muss sich darum kümmern welchen Codec ein Video hat, denn Videro spielt alles ab. Zweites, wir entscheiden uns für kein Betriebssystem, sondern unsere Plattform ist der Browser. Immerhin hatten wir ja bereits zehn Jahre Weberfahrung.

Haben sich denn auch Ihre bestehenden Kunden für die neuen Möglichkeiten interessiert?

Klar – wir haben angefangen mit der neuen Version der Software Videro und der dafür 2006 neu gegründeten Videro AG die ersten Retailprojekte umzusetzen, zum Beispiel bei Engbers Männermoden, in regionalen Edeka-Märkten oder Sparkassen und so weiter. Einige Kunden waren so überzeugt, dass sie sich an der neuen Firma beteiligt haben.

Retail lief also von Anfang an super?

Nein, gar nicht. Wir waren hier einfach um Jahre zu früh. Unsere Software gehörte zu den leistungsfähigsten Digital Signage Plattformen. Bildlich gesprochen, sind wir mit riesigen Kanonen losgelaufen und hatten nicht mal Spatzen, auf die wir schießen konnten, weil damals einfach noch kein Kunde und auch sehr wenige Agenturen wirklich wussten, was Digital Signage ist und kann. Mit unserem Know-how zur Verbindung von E-Commerce, Online-Shops und Digital Signage waren wir damals allein auf weiter Flur. Diese Themen beginnen sich erst heute wirklich zu entwickeln.

Inzwischen sind Sie ja auch mit Videro international aktiv, wie kam es dazu?

Wir sind seit einigen Jahren auf der Entwicklerkonferenz von Apple und konnten durch die Kontakte, die wir dort geknüpft haben, unsere Software bei der bekannten Apple-Seite www.tuaw.com vorstellen. Das Video hat dann unser jetziger Partner ETI in Amerika gesehen. Die hatten zu dieser Zeit gerade den Auftrag, das Besucherzentrum am Times Square NY zu bauen und riefen uns direkt an, weil Sie unsere Software testen wollten.

Sie haben das Projekt dann gemeinsam mit uns umgesetzt. Damals ging es um die Steuerung einiger Screens und natürlich auch um den berühmten New Years Eve Ball Drop, bei dem diese Kristallkugel in der Sylvesternacht mit einem Countdown herunterfällt. Wir haben das direkt aus der Software heraus mit unserer Show-Control-Schnittstelle realisiert. Das Ganze lief so gut und unser Partner war so erstaunt, wie einfach diese Lösungen sein können, dass er uns direkt bei seinem nächsten großen Projekt eingebunden hat.

Welches Projekt war das?

Das war Disney, die weltweit ihre Disney-Stores mit einem vollkommen neuen Konzept umbauen wollten.

Ok – das klingt nach einer ordentlichen Nummer.

Ja, sicher. Das war für uns natürlich auch ein Gänsehaut-Moment, als wir 2009 im noch streng geheimen Mock-Up-Store, unsere Demoanwendungen präsentiert haben. Da liefen ziemlich viele erfahrene Leute herum von Disney und Pixar und wenn die einem dann auf die Schultern klopfen und sagen „That‘s it“, dann ist das schon ein besonderer Moment. Besonders, da ich bei dem ersten Kennenlernen beinahe wieder rausgeflogen wäre.

Warum das?

Nun ja, das Projekt war nach einem Jahr in einer etwas angespannten Situation. Man kam nicht recht weiter und als man mich dann fragte, wie lange wir für eine Demoinstallation bräuchten und ich sagte „so zwei bis drei Wochen“ hielten die das für einen schlechten Scherz und wollten das Gespräch direkt abbrechen. Damals musste unser amerikanischer Partner eingreifen und klar machen, dass das ernst gemeint war. Wir waren dann nach zwei Wochen fertig und begleiten seitdem den globalen Roll-Out in allen Disneystores.

Ein paar große Marken haben Sie also eingesammelt – wo steht Videro heute und wie soll es aus Ihrer Sicht weitergehen?

Wir haben in der Tat in den letzten Jahren wirklich einige große Projekte gemacht, fast immer mit Anforderungen, die bisher noch kein Projekt hatte. So auch vor wenigen Monaten in dem Projekt mit SEGA und der BBC in Japan, bei dem wir u.a. die größte gestengesteuerte Videofläche der Welt installiert haben.

Aus unserer Sicht sind wir aber keineswegs nur der Spezialdienstleister für ausgewählte Digital Signage Projekte, sondern zeichnen uns gerade auch dadurch aus, dass wir mit unserer Plattform, den Marketing und Vertriebsalltag in der Breite besser und effektiver machen. Deshalb liegt für uns die weitere Strategie ganz klar im Bereich Retail.

Ist das wirklich ein spannender Markt? Schließlich hängen doch in jedem Kiosk inzwischen Bildschirme.

Das vielleicht - aber das, was wir unter Digital Signage verstehen, sehe ich sehr selten. Wir fassen das unter dem Motto zusammen „Wir bringen das Internet zurück in die Filiale“, denn in der Verknüpfung von E-Commerce und Digital Signage im Sinne der Steuerung von Einkaufswelten und nicht bloß auf einem Screen Playlisten abspielen, steckt enormes Potenzial.

Wir werden weiterhin alle unsere Erfahrungen und unser Wissen über Content nutzen und verschiedene Welten zusammenführen, um mit Digital Signage das Erlebnis am Point of Sale für Kunden und Verkäufer besser zu machen.

Das Interview führte Riccard Wagner im November 2014